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Kampf um die Korkeiche: Portugals grüne Revolution

Die portugiesischen Korkeichenbiotope sind in Gefahr. Tobias Wolfert (Eco Interventions) hat die wunderschönen Naturlandschaften als Kind erlebt, als sie noch vollständig intakt waren. Heute ist er ist einer der führenden Wiederaufforstungsexperten Portugals. Mit großem Erfolg kämpft er für den Erhalt der Korkeiche. Interviewprotokoll.

»Kulturell und landschaftlich ist Portugal von der Korkeiche geprägt. Sie ist eine Ikone des Landes. Doch seit rund dreißig Jahren leiden die portugiesischen Korkeichenbiotope unter vermehrtem Baumsterben. Einige Experten sehen die Ursache im Klimawandel, der zunehmende Trockenheit auslöst. Dabei wächst die Korkeiche bis an die Grenze der Sahara in Nordafrika, wo sie mit noch weniger Niederschlag als in Portugal auskommen muss. Tatsächlich bestehen hier in Südportugal ungeachtet des Klimawandels optimale Bedingungen für dieses Ökosystem.

Auch Insekten- und Pilzbefall werden als Ursachen genannt – allen voran der pflanzenschädigende Phytophthora. Für uns ist das jedoch weniger die Ursache als das Symptom eines geschwächten Ökosystems. Wir haben zwei Hauptursachen des Korkeichensterbens identifiziert: Erstens ist es die Verdrängung der komplexen Korkeichenökosysteme mit ihrer hohen Biodiversität durch Korkeichenmonokulturen.

Als zweite Ursache ist die Praxis des Pflügens zu benennen: Der Pflug dringt etwa dreißig bis vierzig Zentimeter in die Erde ein, wobei rund achtzig Prozent des Wurzelsystems der Korkeiche zerstört werden. Gleichzeitig verschwindet dabei der lebendige Humus. Es gibt nur noch tote Lehmerde. So trocknet die Korkeiche aus, ihre Rinde wird spröde und hart und verliert an Qualität. Es gibt Bodenerosion. Es findet keine Wasserspeicherung im Boden statt, was zu Überflutungen tiefer im Tal führt. All dies ist jedoch ein schleichender Prozess, der darum lange Jahre nicht erkannt wurde.

Der Korkbauer glaubt, durch den Pflug Sauberkeit und Ordnung zu schaffen. Schließlich wird so auch das Unkraut und das im Sommer hoch brennbare, trockene Buschwerk entfernt, was Waldbrände verhindern hilft. Darum wird diese Praxis sogar mit EU-Mitteln gefördert. Ein Unding. Schließlich ist das Vertrocknen der Korkeichenbiotope auch eine Folge des Pflügens, das somit zu genau den Waldbränden führt, die es verhindern soll. Es gibt keine genauen Zahlen, doch dem Augenschein nach gehen wir davon aus, dass erhebliche Teile der insgesamt 2,3 Millionen Hektar Korkeichenbiotope falsch bewirtschaftet werden.

Glücklicherweise gibt es naturschonende Alternativen, die gleichzeitig eine höhere Produktivität aufweisen. Wir überzeugen Landbesitzer, eine Mosaikstruktur aus dichten Korkeichenwäldern mit einer hohen Biodiversität und offenen, weniger dicht bewachsenen Korkeichensavannen mit leichtem Zugang zu den Bäumen und ihren Rinden anzustreben.

Die Korkeichensavanne ist eine vom Menschen über die vergangenen zwei Jahrtausende geschaffene, bewirtschaftete Kulturlandschaft. Eine gut bewirtschaftete Korkeichensavanne besteht dabei aus großen Kork- und Steineichen und aus Büschen. Statt eines Pflugs werden schonendere Landmaschinen oder grasende Tiere wie Schafe, Kühe, Pferde und Schweine im Wechsel eingesetzt.

Im Naturzustand hingegen bildet die Korkeiche geschlossene Wälder. Stellt man die Bewirtschaftung der Korkeichensavanne ein, kehrt innerhalb von rund fünfzig Jahren wieder der Wald zurück. Es ist wichtig, solche Waldgebiete zu erhalten. So dämmen die Waldvögel und Fledermäuse auf natürliche Weise den Insektenbestand ein. Korkeichensavannen ohne diese Insektenfresser können beispielsweise von Tausendfüßler-Epidemien betroffen sein, die die Blätter der Bäume vernichten, was wiederum die Bäume schwächt und anfällig für Krankheiten macht.

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Tobias Wolfert ist der Gründer von Eco Interventions. Er und sein Team arbeiten seit 2011 für Erhalt und Wiederherstellung der Korkeichenbiotope Portugals.

Wir bewirtschaften inzwischen rund 2.000 Hektar Land nach nachhaltiger Methode. In die Wälder kehrt dabei das Leben zurück – das Grün, die Pflanzen- und Tierwelt, Pilze und Insekten, ein gesundes Mikroklima. All das fördern wir mit unseren Projekten. In den von uns wiederaufgeforsteten Wäldern wachsen der Erdbeerbaum, wilde Pistazien und Oliven, Kork- und Steineichen, Schlingpflanzen. Diese Bäume bieten mit ihren Blüten, Beeren und Früchten Nahrungsgrundlage für Insekten, Schmetterlinge, Vögel und andere Waldtiere. Auch der Boden regeneriert sich: Die Humusschicht baut sich wieder auf, Wasser und Nährstoffe werden darin gespeichert. Laub schützt den Boden vor der Sonneneinstrahlung, vor der Hitze und vor dem Austrocknen. Das ist besonders wichtig für Bäume, die mit fünf Monaten Trockenheit und 600-800mm Regen im Jahr auskommen müssen. Die Baumkronen von dichten Wäldern bieten wiederum Schatten. Hier herrscht eine bis zu zehn Grad kühlere Luft als in der unmittelbaren Umgebung.

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Das Myzel (dt.), bzw. Mycelium (lat.) bezeichnet das unterirdische Fasergeflecht der Pilze und ist mit einem Pilz wissenschaftlich beinahe gleich zu setzen. Was wir umgangssprachlich unter einem „Pilz“ verstehen, ist der viel massivere (nicht unbedingt größere) Fruchtkörper der Pilze, der nur unter besonderen Umständen entsteht.

Bearbeitet wird dieses Land per Hand oder mit einem kleinen Traktor. Die Arbeit, die wir im Korkeichenwald machen, nennen wir „chop and drop“: Wir lassen abgeschnittene Pflanzenteile liegen und bauen so den Boden auf. Im Humus befinden sich lebenswichtige Pilze mit ihrem Myzel. Die Baumwurzeln sind mit ihm vernetzt und ernähren sich von ihm. Sogar im trockenen Sommer können die Korkeichen dank der Mykorrhiza Nachtfeuchte aufnehmen. Es versorgt die Bäume zudem mit Antibiotika und stärkt so deren Abwehrkräfte.

Wir helfen Landbesitzern, das komplexe Ökosystem ihres Landes zu verstehen. Wir erklären ihnen, wie ihre Bäume funktionieren und wie sie durch nachhaltige Landwirtschaft eine bessere Korkernte einfahren können. Eine gesunde Natur bietet zudem viele weitere Vorteile und Produkte: ätherische Öle, Speisepilze oder Feuerholz. Sie bietet Jagdreviere und eine Landschaft, in der sich Menschen gerne erholen. Die Menschen erkennen die Vorteile einer nachhaltigen Landbewirtschaftung. Das Umdenken beginnt.«

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