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Korkeichen-Katze

Pedro Sarmento setzt sich seit 24 Jahren für die Rettung des Iberischen Luchs ein – eines der seltensten Säugetiere der Welt. Die Wildkatze hat in den Savannen und Korkeichenbiotopen der Iberischen Halbinsel ihren natürlichen Lebensraum. Mit seiner Arbeit war Wildlife-Biologe Sarmento mehr als erfolgreich. Nachdem der Iberische Luchs noch vor zwanzig Jahren fast ausgestorben war, zählt die Population heute über 500 Exemplare. Eine Überraschung, sogar für den Luchsexperten. Interviewprotokoll.

»Was für ein Familienfoto: Kathmandu, der Luchsvater und Jakaranda, die Luchsmutter, spielen mit ihrem schon halbstarken Sprössling Nossa – dem ersten Luchs, der wieder in der Wildnis zur Welt gekommen ist! Die Eltern haben wir damals beide noch in der Aufzuchtstation großgezogen. Heute existieren bereits mehr Iberische Luchse als wir für das Jahr 2020 erwartet hatten. Wir hätten uns nicht träumen lassen, dass wir unser Ziel schon drei Jahre früher als geplant erreichen würden. Der Luchs hat sich als anpassungsfähiger erwiesen als erwartet. Und zugleich findet er angesichts der Erholung von Kaninchenbeständen genug Beutetiere, um sich zu ernähren. Wir sehen das daran, dass er sich in relativ kleinen Territorien ansiedelt: Er muss nicht lange suchen, um etwas zum Jagen zu finden. Die Situation des Iberischen Luchs entspannt sich. Doch diesem Erfolg ging jahrelange harte Arbeit voraus.

In früheren Jahrhunderten war der Iberische Luchs auf der gesamten Iberischen Halbinsel heimisch. Seit dem 19. Jahrhundert zog er sich in die Mitte und in den Süden zurück. Vor zwanzig Jahren war er dann fast vollständig ausgestorben. Und das, obwohl der drastische Populationsrückgang bereits seit den fünfziger Jahren ein Thema ist und das Tier seit den Siebzigern unter Artenschutz steht. Doch erst in den neunziger Jahren wachte man schließlich auf, als nur noch zwei reproduktive Populationen mit etwa 120 Exemplaren in Andalusien existierten. Zu diesem Zeitpunkt stand der Fortbestand des Iberischen Luchses auf der Kippe.

Der Iberische Luchs ist eine Raubkatze und weist alle Attribute einer solchen auf. Er ist nicht besonders gesellig, eher ein Außenseiter, außer in der Brutzeit und wenn ein Weibchen ihre Jungen aufzieht. Er beansprucht ein Territorium für sich, in dem er auf ausgedehnte Beutezüge gehen kann. Männliche Tiere stecken sich einen Bereich von etwa zehn Quadratkilometern ab, in dem kein anderes Männchen geduldet wird. Die weiblichen Luchse beanspruchen einen Bereich von fünf Quadratkilometern, die sich teilweise innerhalb des Territoriums eines Männchens befinden können. Wir betreuen ein Areal von insgesamt zweihundert Quadratkilometern.

Essenziell ist es für den Iberischen Luchs, genügend Beutetiere vorzufinden. Er erlegt und verzehrt eine große Menge an Wildkaninchen – ja, eigentlich ist er restlos glücklich, wenn er Hasen jagen kann. Als vorzüglicher Jäger kann er aber auch Rehe mit einem viermal höheren Gewicht als seinem eigenen töten. Und wenn er eine Beute nicht gleich oder vollständig verzehren will, bedeckt er sie einfach, zum Beispiel mit Büschen. Der Iberische Luchs ist ein Nachttier. Bei Tage braucht er den Schatten, da er schnell unter der Hitze leidet, die in Portugal extrem sein kann.

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Wildlife-Biologe Dr. Pedro Sarmento arbeitet für das staatliche Institute of Nature Conservation, wo er seit 2014 für das portugiesische Luchs-Züchtungsprogramm verantwortlich ist.

Für den Fortbestand des Luchses ist es wichtig, dass das mediterrane Ökosystem auf der Iberischen Halbinsel erhalten bleibt: Der Luchs braucht die Mischung aus Buschland und schattigen Kork- und Steineichen. Er braucht eine intakte Naturlandschaft, in der er sich zurückziehen, ungestört jagen und sich vermehren kann. Dieses Ökosystem ist jedoch bedroht: Monokulturen wie der extensive Eukalyptusanbau für die Papierindustrie zerstören Boden und Land, nicht zuletzt durch die verheerenden Brände, die durch den schnell entflammbaren Eukalyptus ausgelöst werden. Hierauf müssen wir die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit lenken. Wir brauchen klare Regeln für den Erhalt dieser einzigartigen mediterranen Naturlandschaft.

Bevor ein Luchs aus der Aufzuchtstation in die freie Wildbahn entlassen werden kann, um sich ein Territorium zu suchen, muss er betäubt und gründlich durchgecheckt werden. Wir nehmen Blutproben, die wir untersuchen, um sicherzugehen, dass er keine Krankheiten in die Wildnis trägt. Dann wird er geimpft und erhält ein Funkhalsband. Jetzt ist er ein freies Tier – das wir immer im Blick und auf dem Radar haben. Hier beginnt der akribische Teil meiner Arbeit: Wir verfolgen die Spuren der Luchse. Per Funk wissen wir immer, wo er sich befindet. Rund 45 Kamerafallen geben uns einen visuellen Eindruck – unter anderem von seinem Gesundheitszustand. Mit diesen haben wir inzwischen fast 12.000 Videos produziert, die alle ausgelesen und katalogisiert werden. Wir wenden einen Trick an, um die Luchse zu den Kameras zu locken: Wir imprägnieren Holzbohlen mit Luchsurin. Die Luchse lieben es, sich an den duftenden Bohlen zu reiben und ihre Krallen daran zu wetzen.

Die Kamerafallen machen es uns möglich, unsere Luchse zu erkennen. Manchmal dringen Luchse in unser Territorium ein, die wir nicht identifizieren können. Dann tauschen wir uns mit unseren Kollegen in Spanien aus, die die Luchse ihrer Territorien im Blick haben. In einem Fall konnten sie bestätigen, dass es sich tatsächlich um ihr Tier handelte. Das hat uns begeistert, weil es heißt, dass es einen Gentausch zwischen den Populationen gibt. Wenn ein unbekanntes Jungtier auftaucht, bestimmen wir sein Geschlecht und seine Größe. Dann erhält es einen Namen und wird in die Datenbank aufgenommen. Nossa, das Junge von Kathmandu und Jakaranda, war nach vierzig Jahren unser erstes in der Wildnis geborenes Tier. Das war ein riesiges Erfolgserlebnis.«

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